Aktion "Tibetkinder"

Mit Unterstützung
von:
 
Michael Herberger
 
Xavier Naidoo
 
Ingrid Metz-Neun
 
und vielen Helfern
im Hintergrund!

61. UN-Sitzung

 
 
61. Sitzungsperiode der UN-Menschenrechtskommission
vom 14. März bis 22. April 2005

Tagesordnungspunkt Nr. 10: Wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte
31. März 2005, Gesendet vom Tibet-Büro Genf
 
 
 

Mündliche Aussage von Norzin Dolma im Namen der Internationalen Vereinigung für Versöhnung:

 

Sehr geehrter Herr Vorsitzender,
Die Volksrepublik China (VRC) hat am 27. Mai 2001 den internationalen Pakt über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte (ICESCR) ratifiziert. Der Artikel 13 anerkennt das Recht eines jeden auf Bildung, “die auf die volle Entfaltung der menschlichen Persönlichkeit gerichtet ist…”.

Bedauerlicherweise sind die Bildungsmöglichkeiten in der "Autonomen Region Tibet" (TAR), was die tibetischen Kinder anbetrifft, nicht auf die freie undvollständige Entwicklung der Persönlichkeit, ihrer Begabungen, sowie ihrer geistigen und körperlichen Fähigkeiten ausgerichtet. Statt dessen wird Bildung von den chinesischen Behörden als ein Werkzeug zur Sicherung der politischen Stabilitätund der Förderung der ethnischen Einheit in der Region benutzt. Um diese Ziele zu erreichen, vereitelt die Bildungspolitik die Ausbildung jeglicher tibetischen Identität, indem sie die tibetische Geschichte falsch darstellt, den Tibetern ihre Kultur und Traditionen verweigert und Tibetisch zu einer Sprache zweiter Ordnung degradiert.

Sprachliche Identität gefährdet
Die ehemalige UN-Sonderberichterstatterin für das Recht auf Bildung, Katarina Tomasevski, stellte fest: "Eine Bildungspolitik, welche die Rechte derMinderheiten sicherstellt, macht die volle Anerkennung  des Wertes von Sprache und Religion der Minderheiten durch die Mehrheit in allen Bereichen des Lebens notwendig. Andernfalls ist Bildung deutlich auf Assimilierung hin angelegt  und ist mit Chinas Menschenrechtsverpflichtungen nicht vereinbar."

Professor Dungkar Lobsang Trinley, eine der bedeutendsten kulturellen und intellektuellen Gestalten des modernen Tibets, der sogar von den chinesischen Behörden mit "nationales Kleinod" betitelt wurde, sagte: "Unsere Hoffnungen aufdie Zukunft, die Entwicklung im allgemeinen, unsere kulturelle Identität und die Bewahrung unseres Erbes – all das hängt nur von einem ab, dem Schicksal der tibetischen Sprache. Ohne gebildete Menschen, die fähig sind, sich auf allen Gebieten in ihrer eigenen Sprache auszudrücken, laufen die Tibeter Gefahr, unausweichlich assimiliert zu werden. Wir haben diesen Punkt bereits erreicht."

Was die sprachliche Identität in der Praxis anbetrifft, so hat China die Rechteder tibetischen Minderheit bislang nicht in seine Bildungspolitik aufgenommen. Statt dessen billigt die chinesische Regierung einen Prozeß, der die tibetischeSprache in ihrer eigentlichen Existenz bedroht: Chinesisch als die einzigeUnterrichtssprache in der "TAR" ersetzt das Tibetische in zunehmendem Maße.

Durch den vorherrschenden Gebrauch des Chinesischen in Handel und Verwaltung wurde die tibetische Sprache zurückgedrängt. Tibetische Kinder lernen in der Schule die chinesische Sprache und die chinesische Version der tibetischen Geschichte. Teng Xing, ein Anthropologe am Pekinger Institut für Studien in ethnischer Bildung, räumt ein: "In zehn bis zwanzig Jahren wird man in China Minderheitensprachen nur noch im Museum finden. Das ist die Realität." Das wird durch die Tatsache erhärtet, daß viele Menschen Tibet verlassen, um im indischen Exil eine alternative und umfassende Bildung zu erlangen.

Zugänglichkeit und Verfügbarkeit von Bildung Am 30. August 2004 brachte die Vorsitzende des UN-Kinderhilfswerks (UNICEF), Carol Bellamy, ihre Besorgnis darüber zum Ausdruck, daß nur 31% der Kinder in Tibet die Möglichkeit haben, die neun Pflichtschuljahre zu absolvieren. Artikel 10 des chinesischen Schulpflichtgesetzes von 1986 besagt, daß der Staat kein Schulgeld von Schülern verlangen darf, die ihrer Schulpflicht nachkommen. Dennoch wurde ein allen frei zur Verfügung stehender Pflichtschulunterricht in Tibet bisher noch nicht realisiert.

Von den für die geringe Wahrnehmung der Schulpflicht in der "TAR" verantwortlichen Faktoren sind zweifellos zwei die wichtigsten, die finanziellen Hindernisse und der Mangel an Schulen in entlegenen Gegenden.

Bildung gleich ideologische Indoktrination Abgesehen von den Schulen und allgemeinen Bildungseinrichtungen werden die religiösen Institutionen, also die Klöster, von der chinesischen Bildungspolitik, die sich in erster Linie als Vehikel für politische Indoktrination versteht, am stärksten beeinträchtigt.

1996 wurde in den religiösen Einrichtungen die Kampagne "Patriotische Umerziehung" eingeführt, womit der politischen Erziehung der Vorrang vor religiösen Studien gegeben wurde. Wer sich den offiziellen Anordnungen widersetzte, wurde aus dem Kloster ausgeschlossen. In den nunmehr zehn Jahren der "Patriotischen Umerziehung" kam es, soweit uns bekannt ist, zu 11.383 Fällen eines Ausschlusses von Geistlichen aus religiösen Einrichtungen. Außenstehende Beobachter haben dies als eine "zweite Kulturrevolution" bezeichnet.

Chinas eigener Aussage, d.h. der Partei, zufolge sind ungefähr 30.000 der 46.000 buddhistischen Mönche und Nonnen in Tibet “umerzogen”, und 1.780 von den 1.787 Klöstern und Tempeln durch die "Arbeitsteams" erfaßt worden.

Bildungsfreiheit:
nur im Exil möglich In Verletzung des in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte in Artikel 13 festgelegten Prinzips, daß "jeder Mensch das Recht hat, jedes Land, einschließlich seines eigenen, zu verlassen", schränken die chinesischen Behörden die Bewegungsfreiheit der Tibeter auf gravierende Weise ein und machen es ihnen nahezu unmöglich, aus China auszureisen, um auf tibetischen Schulen im Exil Bildung zu erlangen. Dennoch riskieren tibetische Kinder weiterhin ihr Leben und fliehen aus Tibet, um Zugang zu Bildungseinrichtungen zu erhalten, in denen sie in ihrer Sprache, Kultur, Geschichte und Traditionen unterrichtet werden.

Seit Anfang der 80er Jahre haben mehr als 7.000 Kinder alles riskiert und den Himalaya in der Hoffnung überquert, im Exil die Art von Bildung zu erlangen, die ihnen zu Hause verwehrt wird. Alleine zwischen Januar und August 2004 sind 2.416 Flüchtlinge im Tibetan Reception Centre in Dharamsala eingetroffen. 20,98 % von ihnen waren Kinder unter 13 Jahren, und 40,23 % junge Menschen zwischen 14 und 25 Jahren. Bei 61,21 % der innerhalb von acht Monaten in Indien neu angekommenen tibetischen Flüchtlinge handelt es sich also um sehr junge Leute. Im September 2004 erreichten 238 tibetische Flüchtlinge Dharamsala, von denen 81,93% unter 25 Jahren waren. Die Gesamtzahl der von 1991 bis Juni 2004 vom tibetischen Empfangszentrum registrierten Flüchtlinge beträgt 43.634. Von diesen waren 59,74 % jünger als 25 Jahre.

Schluß
Wir bitten deshalb die Kommission, sie möge die chinesische Regierung dazu aufrufen, Kultur, Geschichte und Tradition Tibets zu respektieren und Abstand zu nehmen von einer Politik, die auf die Assimilation der Tibeter in die dominierende Kultur der Chinesen abzielt. Des weiteren sollte die VR China Tibetisch zur Unterrichtsprache in den Schulen machen und einen Lehrplan einführen, der an den Bedürfnissen der Tibeter orientiert ist, sowie Sorge dafür tragen, daß Bildung künftig für einen jeden zugänglich, erschwinglich und frei ist.

Mündliche Aussage von Tenzin Samphel Kayta im Namen der Gesellschaft für bedrohte Völker

Herr Vorsitzender,
Die Volksrepublik China hat den Internationalen Pakt für wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte ratifiziert. Dennoch muß sie den sich daraus ergebenden Verpflichtungen erst noch gerecht werden.

1999 hat China damit begonnen, das “Programm zur Entwicklung des Westens„ (Western Development Strategy) in die Realität umzusetzen, das Schlüsselprojekte wie den Bau der Qinghai-Tibet-Eisenbahn, den Transfer von Strom und Erdgas aus den westlichen Teilen des Landes nach Osten, den Schutz von Wäldern, Weideland und Flüssen umfaßt; weiterhin den Ausbau des Grundschul-, berufsorientierten und höheren Schulwesens, die Förderung von spezialisierter Landwirtschaft etc. Die Chinesen haben die “Western Development Strategy” als ein Entwicklungsmodell zur Überwindung der "Rückständigkeit" Tibets beschrieben. Dennoch bleibt es zweifelhaft, ob diese Zielsetzung erreicht werden kann, wenn man bedenkt, daß Investitionen in die Land- und Viehwirtschaft vor Ort und in die weiche Infrastruktur, etwa in den Gesundheits-, Bildungs-, Beschäftigungssektor sowie der Mitwirkung der einheimischen Bevölkerung kaum Wert beigemessen wird. Die größten Nutznießer scheinen die in der Region lebenden chinesischen Zuwanderer und nicht die Tibeter zu sein. Die Diskrepanz zwischen Arm und Reich nimmt immer weiter zu, ja sie folgt in typischer Weise den ethnischen Trennungslinien. Vor allem aber ist der Entscheidungsprozeß auf nationaler wie auf regionaler Ebene solcher Art, daß China alle entwicklungspolitischen Richtlinien und Strategien bestimmt, ohne die Tibeter dabei zu Rate zu ziehen.

Während des letzten Jahrzehnts, besonders seit 1992,  haben die staatlichen Maßnahmen in Wirtschaft, Verwaltung und Infrastruktur die Zuwanderung von Han-Chinesen nach Tibet erleichtert und gefördert, woraus der einzigartigen Kultur und Identität Tibets eine ernste Bedrohung erwuchs. Durch den anhaltenden Zustrom von Chinesen nach Tibet werden die Tibeter zu einer Minderheit in ihrem eigenen Land, die Diskriminierung und Entbehrungen ausgesetzt und beim Zugang zu Land, Nahrung und Beschäftigung benachteiligt sind.

China behauptet, die Gesundheitsfürsorge sei in den "bäuerlichen und Hirtengegenden kostenlos". Dennoch steht es infolge der hohen Gebühren schlecht um die allgemeine Gesundheitsversorgung der Tibeter. Die medizinischen Einrichtungen konzentrieren sich auf die Städte; in vielen der abgelegenen ländlichen Gegenden, wo die meisten Tibeter leben, gibt es bis heute keine medizinische Versorgung.

Was den Zugang zur Bildung betrifft, betonte die ehemalige UN-Sonderberichterstatterin für das Recht auf Bildung, Katarina Tomasevski, daß "der Pflichtschulunterricht in China nicht frei" ist. Dies steht in Widerspruch zu Artikel 10 des 1986 in Kraft getretenen chinesischen  Schulpflichtgesetzes, der besagt, der Staat dürfe für den Unterricht von Schülern, die der Schulpflicht unterliegen, keine Gebühren erheben.

Herr Vorsitzender, dies alles unterstreicht die Tatsache, daß die chinesische Regierung immer noch einen weiten Weg vor sich hat, um ihren Verpflichtungen hinsichtlich der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte gerecht zu werden. Wir bitten die Kommission, sicherzustellen, daß sich alle künftigen Handlungen Chinas zur Behebung dieser Mißstände unbedingt auch auf Tibet erstrecken. Ich danke Ihnen!
 
 
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